Ich wohne schon seit einigen Jahren in derselben Wohnung in Braunschweig, mitten in der Innenstadt. Früher war es wirklich prima, um zu Fuß in zwei Minuten an meinen Arbeitsplatz im Theater zu
kommen. Heute profitiere ich von der zentralen Lage, um sternförmig zu meinen Yogakursen zu strampeln. Ich bin Fahrradfahrerin, einfach immer schon gewesen, gar nicht unbedingt aus Leidenschaft,
vielleicht eher, weil es als Jugendliche das erste Fahrgerät war, mit dem man sich etwas schneller bewegen konnte. In der Kleinstadt, aus der ich komme, gibt es bis heute keine Öffis. Der Sprung
zum Auto ist mir nie so richtig geglückt. Außer bei Eis und Schnee bewege ich mich gerne und ausschließlich auf zwei Reifen durch die Gegend und kann daher eine ganz stolze CO2-Bilanz
vorweisen.
Um zum Theater oder sonst in die Stadt zu kommen, muss ich entweder einen Umweg laufen bzw. fahren oder bei einem Durchgang zum Theaterwall viele Treppen überwinden, was mit Fahrrad, Koffer oder
vollen Einkaufstüten nicht gut geht - oder ich nutze wie sehr viele andere, quasi das ganze östliche Ringgebiet, die Abkürzung beim Nachbarn über' s Grundstück. Viele Bewohner dieses
Nachbarhauses dort nehmen den regen Passantenstrom gelassen, einige aber regen sich fürchterlich auf und beschimpfen die illegalen Trespasser derbe. Zwischen mir und einer Dame kam es einmal
sogar zu einem kleinen Handgemenge - ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich sein konnte. Ich beschloss in jedem Fall, als Bürgerin bei der Verwaltung der Stadt Braunschweig mal zu fragen, ob
man nicht Abhilfe schaffen und die Treppenanlage einfach mit einer barrierefreien Rampe ausstatten könnte. Dann wäre das illegale Kreuzen des Nachbargrundstücks nicht mehr nötig, viele könnten
ganz legal den Weg Richtung Innenstadt antreten, die Belästigung für die Bewohner des betreffenden Hauses wäre vorbei, eine Verbesserung für alle Seiten, Win-Win ganz konkret für den Alltag. Und
es heißt doch immer, man soll sich konkret vor Ort einmischen. Ich schrieb also an die Stadt und erklärte dort mein Anliegen.
Die Antwort ließ etwas auf sich warten. Mehrere Wochen vergingen, dann plötzlich kam eine Email von einem Mitarbeiter der Stadt. Mit einer Entschuldigung, dass das wegen der Sommerpause so lange
gedauert habe, man bedauere sehr usw. und man könne sich am Ort des Geschehens ja mal treffen, um die Sache zu begutachten. Das fand ich toll und verabredete mich mit dem Mitarbeiter für ein paar
Tage später. Zu dem Treffen war ich pünktlich und vorfreudig-aufgeregt da. Und auch die Stadt Braunschweig rückte an - mit gleich zwei sehr netten Vertretern. Wir schüttelten uns die Hände,
stellten uns vor und machten uns auf den Weg zum Tatort, wo ich mein Anliegen noch einmal schilderte. Danach setzte zwischen den beiden Herren ein Murmeln ein, ein bisschen Kopfwiegen und Nicken
und wieder Murmeln und Kopfwiegen. Grundsätzlich würde mein Engagement begrüßt, befand mein Email-Partner, allein hier sei eine Lösung schwierig bis sehr schwierig, also eigentlich unmöglich.
Da die beiden kein Maßband dabei hatten, um die Höhe der Treppenanlage zu bemessen, könne man jetzt ad hoc auch nicht wirklich die Höhe der zu überwindenden Meter berechnen, also ein konkreter Vorschlag ohnehin unrealistisch. Das fand ich für Experten des Hoch-und Tiefbaus und Straßenverkehrs erstaunlich. Als Lösung bot ich an, mit Augenmaß auszuhelfen, und erklärte, dass es ja nicht mehr als 1,60 m sein könnten, weil ich mit meinen 1,69 m noch die Autoreifen der Autos oben sehen könne. Das wurde mit Bewunderung zur Kenntnis genommen und dann ein bisschen bruchgerechnet - und schlussendlich befunden, dass damit eine Rampe zu steil würde. Sie dürfe nicht mehr als 19 % Prozent Steigung haben, damit auch Rollstuhlfahrer ohne Gefahr die Rampe nutzen könnten. Ein Verzicht auf die Beachtung dieser Gruppe würde zu einem unglaublichen Shitstorm führen, mit dem Vorwurf, dass die Stadt Braunschweig einzelne Gruppen nicht genügend integriere. Das wollte keiner der Herren auf sich nehmen.
Eine Unterlagerung mit ein bissle Beton der schon vorhandenen Stufen wie am Bahnhof sei ebenfalls nicht mehr möglich weil nicht mehr zeitgmäß. Es bleibe dann nur das Wendeln, also das Hin- und Herführen einer Aspaltspur, um dem verdammten Gefällequotienten zu entkommen - das aber sei auch nicht möglich, weil vorhandene Grünflächen nicht mehr versiegelt werden dürften. Und überhaupt seien alle diese Möglichkeiten eigentlich so teuer, dass man sie im Haushalt der Stadt Braunschweig nicht unterbringen könnte. Aufwändiges Abstimmungsverfahren usw., das habe wenig Aussicht auf Erfolg. Mit anderen Worten: Keine Lösung. Leider, leider, Die beiden wirkten ehrlich bedrückt, mir nicht helfen zu können, was meine Enttäuschung ein ganz klein wenig abpufferte. Kein Weg, nirgends. Doch dann verkündete der zweite Stadtmitarbeiter, der als Begleitung dabei, freudestrahlend und mir zum Trost die eigentlich noch geheime Nachricht, dass auf der Schöppenstedter Straße nun ein Fahrradstreifen genehmigt sei. Man müsse also in Zukunft gar nicht mehr so große Umwege in Kauf nehmen. Das fand ich echt erfreulich, immerhin eine Art Entschädigung für den anderen Schlamassel. Ein bisschen kleiner wurde meine Freude wieder, als ich ein paar Tage später einen jungen Vater mit Kinderwagen, mehreren vollbepackten Einkaufstüten und Hund an der Leine durch das Gartentor unser Nachbarn zwängen sah, begleitet von der Riesenschimpfkanonade eines Anwohners.
Für die Nutzung der inzwischen aber tatsächlich eingerichteten neuen Fahrradspur braucht es echten Heldenmut oder so was wie Todessehnsucht. Der Fahrradstreifen löst sich nämlich leider nach wenigen Metern in die normale Fahrbahn auf - in den Autoverkehr aus der Gegenrichtung.
Noch mal Kleingarten. Noch mal Mast-und Schotbruch. Nach unserem oder meinem ersten Kleingartenexperiment mit Stasi-Nachbarn bin ich mit Sack und Pack, Camping-Klo und Rosen in einen anderen
Garten in einem anderen Gartenverein umgezogen. Zwar gleich um die Ecke, aber mit anderem menschlichen Equipment. Zumindest auf den ersten Blick etwas netter, auf den zweiten - nun ja, manchmal
sieht man nicht so klar, wenn man sich etwas sehr wünscht.
Jedenfalls bin ich, so schnell es mir möglich war, umgezogen, mehrere Hundert Male mit meiner Schubkarre hin- und hergeeiert, um auch noch den letzten Halm Giersch in mein neues Gartenzuhause
umzuziehen. Ich war hocherfreut über die freundlich grüßenden Nachbarn und die enthusiastisch grüßenden Mit-Gärtner.
Doch über diese erste Freude und die erste Euphorie hat sich inzwischen ein Schatten gelegt, und zwar in Form von 30 alten Auto- und zwei monströsen Treckerreifen, die mir die freundliche
Wegegemeinschaft in meinem Garten hinterlassen hat und nicht abtransportieren wollte.
Ganz, ganz leise wendete sich also das Blatt und statt der herzlichen Willkommensgrüße schlug mir immer mehr Kälte entgegen, und ich vermute, es hängt damit zusammen, dass ich
Hermann-mit-nur-einem-Zahn die kalte Schulter gezeigt habe.
Hermann-mit-nur-einem-Zahn ist sozusagen der Hauswart dieses Vereinweges und hat seinen Garten direkt neben mir und mich seinerzeit in alles, was den Gartenverein im allgemeinen und meinen Garten
im besonderen angeht, eingeführt, hilfsbereit und zigaretten-verqualmt fröhlich und ziemlich neugierig.
Das ließ sich erst mal handeln. Aber als mein Freund zum ersten Mal in meinem neuen Garten auftauchte, wollte ich Hermann-mit-nur-einem-Zahn nun partout nicht an unserer Seite haben.
Dafür aber fehlte Hermann-mit- nur-einem-Zahn das Gespür. In weniger als drei Sekunden, nachdem mein Freund sein Auto vor dem Gartentor geparkt hatte, stand Hermann-mit-nur-einem-Zahn da und
glotzte. Und wollte bei unserem Gespräch dabei sein, sich an unsere Fersen hängen, obwohl er es mit nur ein bisschen Feingefühl hätte merken können, dass wir auf seine Anwesenheit und noch
weniger auf seine Kommentare keinen, keinen! Wert legten. Da ich nicht bereit, meine Zweisamkeit mit einem eher nicht so attraktiven Dritten zu teilen, wuchs etwas Kälte über den
Gartenzaun.
Seitdem hat sich aus diesem bisschen Kälte eine kleine Eiszeit zwischen uns entwickelt. Hermann-mit-nur-einem-Zahn hatte zwar kein Gespür für Intimität, aber sehr wohl ein Gespür dafür, dass er
mir auf den Wecker ging - und seitdem wird jede Anfrage von meiner Seite von ihm mit den dusseligsten Entschuldigungen abgeblockt.
Gestern kam es zu einem kleinen Eklat, als ich die 30 schäbigen Autoreifen, die sein Fahrschullehrer-Schwiegersohn herbeigekarrt hat und der seinen Garten direkt gegenüber von mir hat, von
meinem Grundstück haben wollte und Hermann-mit-nur-einem-Zahn dafür um Kooperation bat, die aber mit schnödem Verweis auf seinen kaputten Trecker abgeblockt wurde, um dann zwei Minuten später mit
demselben Trecker davonzutuckern.
Kalte Schulter bezahlt er mit kalter Schulter, und so geht das, was leicht gehen könnte, auf einmal gar nicht mehr.
Mich lies das gar nicht kalt, sondern entfachte durchaus ein wütendes Feuer in mir, dass mich dazu veranlasste, die 30 blöden Reifen in Turbo-Geschwindigkeit über den Zaun auf das allgemeine
Betriebsgelände zu werfen, was unangenehme Gespräche mit weiteren Gartennachbarn, die auch allesamt mit Hermann- mit-nur-einem-Zahn verschwiegest und verschwägert sind, nach sich zog.
Seitdem überlege ich, wieder meine Schubkarre zu schnüren und es in dem nächsten Mast-und Schotbruchverein zu versuchen. Oder ich muss hoffen, dass die Dauerkippe, die offenbar an dem einen
Restzahn festgeklebt ist, bald ihre Wirkung tut. Dann wird ein Garten frei.
Damals, als es unsere Küche noch gab in unserem Haus und mein Vater sie noch nicht zugunsten eines großzügigeren Foyers eingerissen hatte - „Keine tragende Wand. Kann raus.“ - hatten wir Besuch
von wichtigen Menschen. Ich kann mich nicht mehr ganz genau daran erinnern, wer das eigentlich war, ich muss so vier oder fünf gewesen sein, aber dass sie sehr wichtig waren in den Augen meiner
Mutter, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Sie kamen - falls meine Erinnerung mich hier auch nicht täuscht - umangekündigt, um unser noch recht neues Haus zu besichtigen, das mein Vater
mit meinem Opa und dazugehörigen Verwandten und Freunden im Wesentlichen „in Eigenleistung“ gebaut hatte, etwas, worauf mein Vater bei all seinen Unternehmungen größten Wert legte.
Jedenfalls kamen diese Besucher, ein älteres Ehepaar, kurz nach dem Mittagessen. Mein Vater war schon wieder ins Büro gefahren, mein Bruder irgendwo, meine Mutter und ich also alleine. Es
klingelte, und da standen sie und wollten endlich mal unser Haus anschauen, von dem sie schon so viel gehört hätten. Meiner Mutter muss es kalt in die Glieder gefahren sein, denn zu dieser Zeit
galt ein penibel geführter Haushalt noch viel mehr als heute. Und das war etwas, worauf sie in der Regel nicht wirklich Lust hatte. Dementsprechend war sie mit dem Küchenputz noch etwas
hinterher. Wir hatten uns die Zeit mit Lesen vertrieben. Und in unserer Küche stand folglich noch alles kunterbunt durcheinander, was vom Mittagessen und den Vorbereitungen dazu übrig war,
insgesamt die Küche also in einem Zustand, der selbst für nicht so pingelige Geister eher unschön und wenig appetitlich war. Meine Mutter beschwor also mich mit leisen Worten eindringlich -
an ihre Not und die großen erschrockenen Augen kann ich mich noch sehr gut erinnern - , diesen Schweinestall, so gut es mir möglich wäre mit meinen fünf Jahren, irgendwie soweit in Ordnung zu
bringen, dass sie nach einer Pause, in der sie das Besucherpaar im Wohnzimmer ablenken wollte, dann auch in die Küche führen könnte, ohne für immer und ewig als schmuddelige Hausfrau
dazustehen.
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es angestellt habe. Aber ihr Auftrag war mir Befehl. Und so schob ich, während die drei im Wohnzimmer saßen und plauschten, alles, was da so im Wege stand, in
die Schränke. Schmutzige Teller auf die Handtücher, dreckige Töpfe in das Geschirrfach, dreckiges Besteck zu den Gläsern, alle Schnippelreste in den Topfschrank. Es war eine Heidenarbeit. Aber
irgendwann war es geschafft. Und eine Punktlandung, will ich meinen. Denn als ich mit vermeintlich entspanntem Gesichtsausdruck auf den Flur hinausschlenderte, hatten die drei sich gerade
aufgemacht, ihren Gang durch das weitere Haus zu beginnen. Meine Mutter warf einen ängstlichen Blick auf mich und drückte mit noch ängstlicherem Gesicht die Klinke zur Küchentür - und
traute kaum ihren Augen, dass sie in eine, nun ja, perfekt aufgeräumte Hochglanzküche trat, in dem aber auch nicht der letzte Rest von menschlichen Leben, geschweige denn einem nicht weggeräumten
Mittagessen, zu sehen war.
Ich glaube, sie konnte es wirklich nicht fassen, und wenn ich ehrlich bin, ich selber eigentlich auch nicht, was mir da gelungen war und ich doch was echt Gutes zustande gebracht hatte. Noch Tage später fielen meiner Mutter dann beim Arbeiten in der Küche aus den Schränken dreckige Teller entgegen, aus den Schubladen Besteck, Kartoffelschalen, Gemüseschalen und was man sonst für ein ordentliches Mittagessen für eine vierköpfige Familie braucht.